Trauma-bewusst, Trauma-informiert, Trauma-sensibel: Wo liegt der Unterschied?
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In den letzten Jahren ist das Interesse an Breathwork stark gestiegen. Damit gewachsen ist auch die Anzahl der Menschen, die Breathwork mittlerweile anbieten. Viele Anbieter*innen beschreiben sich und ihre Arbeit als „Trauma-bewusst“, „Trauma-informiert“ oder „Trauma-sensibel". Das klingt grundsätzlich natürlich professionell.
Ich habe allerdings das Gefühl, dass diese Begriffe heute sehr schnell genutzt werden, wenn sich jemand mal ein bisschen mit dem Nervensystem beschäftigt oder ein Buch über Trauma gelesen hat. Das „Label“ ist schnell genutzt, die tatsächliche Bedeutung häufig aber gar nicht wirklich bekannt - oder die Unterschiede zwischen den einzelnen Worten. Genau darüber möchte ich in diesem Blogartikel schreiben.
Warum das Verständnis so wichtig ist
Breathwork (besonders die verbundene Atmung) kann sehr intensiv sein. Wir aktivieren das Nervensystem und tauchen in tiefere Ebenen des Körpers und des Unterbewusstseins ein. Dabei können körperliche Reaktionen auftreten und alte Erinnerungen oder Emotionen hochkommen. Es ist gut möglich, dass in einer Session Dinge an die Oberfläche kommen, mit denen niemand gerechnet hat. Genau dann braucht es jemanden, der das halten und sicher begleiten kann.
Dabei geht es hier erstmal gar nicht um „Trauma-Heilung“. Die meisten Coaches und Breathworker haben keine Trauma-Ausbildung und dürfen und sollten Trauma nicht aktiv behandeln. Das ist die Arbeit von entsprechend ausgebildeten Therapeut*innen. Aber Trauma kann unterschwellig immer eine Rolle spielen und in einer Breathwork-Session hochkommen. Ein kompetenter, sicherer Umgang damit ist deshalb essenziell, auch ohne dass wir selbst therapeutisch arbeiten.
In der Breathwork-Szene setzen viele Anbieter*innen nach wie vor auf kathartische Sessions. Sie pushen Atmende tiefer und schneller zu atmen und weiter zu gehen, um emotionale Ausbrüche zu fördern, die dann angeblich befreiend oder heilend sein sollen. Diese Sessions können nach außen erstmal aufregend wirken und als würde sich viel lösen. Häufig werden hier aber die Kapazitäten des Nervensystems der Atmenden überschritten und es kommt zur Dissoziation. Im besten Fall kann die Erfahrung einfach nicht integriert werden und führt im Leben der atmenden Person zu keiner nachhaltigen Veränderung. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Retraumatisierung.
Genau deswegen ist es so wichtig, dass ein echtes Verständnis für Trauma vorhanden und ein kompetenter Umgang damit möglich ist. Menschen mit belastenden Erfahrungen verdienen Räume und Menschen, bei denen sie darauf vertrauen können, dass sie auch in schwierigen Momenten möglichst sicher gehalten werden.
Drei Ebenen des Trauma-Wissens
Trauma-bewusstes Breathwork
Eine Person mit Trauma-Bewusstsein versteht, dass es Trauma gibt, dass es das Nervensystem prägen kann und dass viele Menschen belastende Erfahrungen in sich tragen. Sie weiß auch, dass traumatisierte Menschen anders reagieren können.
Das ist grundsätzlich ein wichtiger Anfang, aber es sagt noch nichts darüber aus, was jemand tatsächlich tun kann. Eine Person weiß vielleicht, dass Trauma existiert, aber nicht, wie sie entsprechend angemessene Anpassungen in ihren Breathwork-Sessions vornimmt oder was zu tun ist, wenn Trauma in einer Session tatsächlich hochkommt.
Meine Wahrnehmung von vielen Breathwork- Anbieter*innen ist, dass sie zwar ein Bewusstsein für Trauma haben, sie aber häufig ihre Sessions sehr starr noch nach einem Schema F anleiten und bei aufkommender Aktivierung bei den Teilnehmer*innen keine Anpassungen vornehmen.
Trauma-informiertes Breathwork
Trauma-informierte Breathworker haben bereits ein echtes Verständnis dafür, wie Trauma im Nervensystem gespeichert wird. Sie kennen und verstehen das Toleranzfenster, die Rolle des Vagusnervs und wie Trauma im Körper sitzt. Sie bauen ihre Sessions mit dem Wissen im Hinterkopf auf, dass kathartische Reaktionen nicht automatisch Zeichen für Heilung sind und dass Druck und Intensität für Atmende nicht unbedingt hilfreich sind.
Was hier oft noch fehlt, ist die Möglichkeit, bewusst zu intervenieren, wenn in einer Session wirklich etwas passiert. Die Person erkennt vielleicht nicht oder ist unsicher, wann und wie sie konkret eingreifen soll.
Trauma-sensibles Breathwork
Bei einem Trauma-sensiblen Ansatz geht es nicht mehr nur um das Verstehen der Theorie, sondern um eine verkörperte Anwendung. Breathworker erkennen Trauma-Reaktionen, während sie geschehen, und können darauf angemessen reagieren. Sie haben einen Werkzeugkoffer mit konkreten Tools, um in der Situation einzugreifen.
In der Praxis bedeutet das, dass Breathworker feine körperliche Signale der Atmenden lesen können. Sie können unterscheiden zwischen einer Emotion, die gefühlt werden will, und einer Überforderung, die Unterstützung braucht. Sie wissen, wann die Atmenden tiefer gehen und wann es Zeit ist zur Ruhe zu kommen.
Das ist nichts, was man durch das Lesen eines Buches oder den Besuch eines Wochenend-Kurses wirklich lernt und integriert. Um wirklich Trauma-sensibel arbeiten zu können braucht es eine vertiefende Fortbildung, praktische Erfahrung, ehrliche Selbstreflexion und Supervision.
Wie Trauma-Sensibilität in der Praxis aussieht
Es gibt einige Aspekte, die für mich zum Kern einer Trauma-sensiblen Arbeit gehören.
Zunächst einmal steht die somatische Arbeit im Vordergrund. Reaktionen des Nervensystems werden wahrgenommen und auf sie reagiert, und Körperempfindungen, Gefühle und Verhaltensimpulse werden genauso in den Prozess mit einbezogen wie die Gedanken der atmenden Person.
Dazu kommt die Arbeit mit Ressourcen. Ressourcen sind all die Dinge, die uns Sicherheit, Halt und Kraft geben. Das kann ein sicherer Ort in unserer Vorstellung sein, ein Mensch, der uns guttut, eine Körperstelle, die sich sicher oder stark anfühlt, oder auch ein Gegenstand, der uns ein Gefühl von Geborgenheit gibt. Solche Ressourcen wirken wie Anker, die das Nervensystem beruhigen und uns Halt geben können, wenn herausfordernde Gefühle hochkommen.
Dann sollte ein Breathworker darauf achten, dass während der Breathwork-Einheit die Intensität einer Erfahrung bewusst portioniert oder dosiert wird. Statt „mit Volldampf“ in die intensive Erfahrung rein zu stürmen (und so das Nervensystem möglicherweise direkt zu überfordern), wird Stück für Stück etwas mehr Aktivierung ins Nervensystem gegeben. Im *Somatic Experiencing* wird das als Titration bezeichnet (ursprünglich kommt der Begriff aus der Chemie, wo er das „tröpfchenweise Hinzufügen“ einer Substanz beschreibt).
Und schließlich gibt es das Pendeln zwischen Aktivierung und Erdung (auch das ist ein Kernkonzept aus dem *Somatic Experiencing*). Um die Kapazität des Nervensystems während der Breathwork-Einheit nicht zu überfordern, wird bewusst dosiert in die Aktivierung hinein gegangen, um das Nervensystem zu aktivieren, aber nicht zu überfordern. Dann wird das System zurück in die Ruhe und Entspannung geführt und bekommt Zeit die Erfahrung zu integrieren. Das kann über mehrere Runden geschehen, während denen die Kapazität des Nervensystems langsam wachsen kann. Mit jeder Runde kann das Nervensystem lernen, ein kleines bisschen mehr Aktivierung zu halten.
Und genau hier liegt für mich der Unterschied zu rein kathartischen Breathwork-Angeboten. Ein Trauma-sensibler Ansatz baut echte Kapazität auf, statt nur kurzfristig Druck abzulassen. Er priorisiert und fördert nachhaltige Veränderung, auch wenn das manchmal in dem Moment eher unspektakulär oder sogar langweilig wird.
Wenn du selbst lernen möchtest, wie du Menschen auf diese verkörperte, Trauma-sensible Weise durch ihre Atemreisen begleiten kannst, schau dir meine 12-monatige Breathwork Ausbildung an. Trauma-sensibles Arbeiten zieht sich als Basis durch unsere gesamte gemeinsame Reise. [Link zur Ausbildung]
Wenn du erst einmal noch mehr darüber erfahren möchtest, was Trauma-sensibles Breathwork ausmacht und woran du ein gutes Breathwork-Angebot erkennst, lies gerne noch meinen Artikel Was ist Trauma-sensibles Breathwork?.
Viele liebe Grüße
deine Svenja
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